Alle Labels, die Leute meiner Kunst gegeben haben (und welche davon wirklich passen)
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Ich schreibe alles hier zuerst auf Englisch. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, da kann sich mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, sag mir gern Bescheid.
Ein einziges Label für meine Arbeit habe ich mir selbst ausgesucht, und dafür musste ich es erfinden: Candy Decay. Alle anderen auf dieser Seite kamen von anderen Leuten, meistens in einem Kommentar oder einer Nachricht und meistens als Frage. Ist das Pastel Goth? Ist das Lowbrow? Neulich kam „cyberpunk trippy“, und danach habe ich mich erst mal stundenlang durchs Internet gelesen.
Hier also die ganze Liste, ehrlich sortiert. Manche passen fast perfekt. Manche passen in einer Hinsicht und in einer anderen überhaupt nicht. Und eins davon ist meins.
Die Labels, die passen
Pop-Surrealismus und Lowbrow
Von allen Begriffen ist das der, der kunsthistorisch am ehesten passt. Lowbrow ist in Kalifornien aus Underground-Comics, Hot-Rod-Kultur und Tattoo-Flash entstanden, und Pop-Surrealismus ist grob gesagt der galerietauglichere Nachfolger davon: sauber gemalt, im Motiv völlig unernst, Cartoon-Logik mit vollem Ernst behandelt.
Wenn mich jemand irgendwo einsortieren müsste, dann hier. Ausführlich steht das in Was ist Lowbrow Art? und Was ist Pop Surrealism?.
Cute creepy
Keine Kunstrichtung, einfach eine Beschreibung, die stimmt. Etwas Niedliches, in dem etwas nicht stimmt. Strawberry Graveyard sind Erdbeeren mit Sahne, zwischen denen Totenköpfe liegen, und damit ist die ganze Idee in einem Bild erklärt. Mehr dazu in Was ist cute creepy art?.

Gurokawa
Das japanische Wort für genau diese Mischung, aus guro (grotesk) und kawaii (niedlich). Es ist das genaueste Wort, das je jemand für meine Arbeit benutzt hat, und ich kenne es nur, weil es jemand in einen Kommentar geschrieben hat. Der ganze Guide steht hier: Was ist Gurokawa?
Maximalismus
Stimmt. Und nicht alle meinen es als Kompliment. Ich male die Fläche voll, benutze über hundert Farben in einem einzigen Bild und lasse keinen höflichen leeren Rand. Siehe Was ist Maximalismus? und, für die Wohnungsvariante, Was ist Cluttercore?
Die Labels, die halb passen
Pastel Goth
Das benutzen die meisten, und zu ungefähr achtzig Prozent stimmt es auch. Pastell plus Totenköpfe, das ist genau da. Was fehlt, ist der Goth-Teil im Sinne von Musik und Subkultur, denn da komme ich nicht her. Die Leute finden mich also über den Begriff, erkennen den Look und liegen damit nicht wirklich falsch. Falls es dein Ding ist: hier ist der ganze Style-Guide.
Kawaii Goth
Dieselbe Geschichte, andere Betonung. Meine Figuren sind wirklich kawaii, von einer Pizza-Taube bis zu einer schwarzen Katze mit zu vielen Gefühlen. Die Goth-Hälfte ist auch hier eher optisch als kulturell.
Camp
Das hat mich erst überrascht und dann gefreut. Bei Camp geht es darum, mit Absicht zu viel zu sein, das Künstliche zu lieben und sich für nichts davon zu schämen. In allen Punkten schuldig. Was ist Camp? geht da richtig rein.
Street Art
Wörtlich nicht, es hängt ja nichts von mir öffentlich an einer Hauswand. Die visuelle Logik ist aber dieselbe: dicke Konturen, flache satte Farben, ein Motiv, das man in einer Sekunde erkennt. Ausgeführt habe ich das in Warum meine Kunst in die Street-Art-Welt gehört.
Trippy Cyberpunk
Das neueste Label und der Grund, warum es diese Liste überhaupt gibt. Chrom-Implantate kommen bei mir nirgends vor, aber das Leuchten auf dunklem Grund, die Dichte und die Fäulnis unter dem Glanz sind echte Cyberpunk-Mittel. Auseinandergenommen habe ich das in Was ist trippige Cyberpunk-Kunst?

Das Label, das von mir selbst kommt
Candy Decay. Süßes, das schlecht wird, Buntes mit etwas Verfaultem darunter, Zucker als Weg, über Vergänglichkeit zu reden, ohne dabei düster zu werden. Ich habe es erfunden, weil keins der geliehenen Wörter genau das getroffen hat, was ich immer wieder male, und weil es sich leichter sagt als „cute creepy Pastel-Goth-Pop-Surrealismus“. Es ist das einzige Label auf dieser Seite, das von mir kommt, und das einzige, das ich auch wirklich benutze. Wie ich darauf gekommen bin, steht in Wie ich meinen Stil gefunden habe: Candy Decay.
Das Label, das gar kein Stil ist
Neurodivergente Kunst. Da geht es nicht darum, wie die Bilder aussehen, sondern warum sie so aussehen: die Dichte, die Wiederholung, Farbe als etwas, das sich fast körperlich anfühlt. Darüber habe ich in Meine Kunst ist neurodivergent geschrieben, und wahrscheinlich ist es das genaueste Label auf dieser ganzen Seite, auch wenn es in keinem Kunstgeschichtsbuch steht.
Das Label, das eigentlich nur ein Datum ist
Zeitgenössische Kunst. Auch kein Stil, sondern nur die Auskunft, wann etwas entstanden ist und ob die Person, die es gemacht hat, noch lebt. Ich habe jahrelang gedacht, das heißt weißer Raum, winziges Objekt und ein Wandtext, den ich zweimal lesen muss, und mich stillschweigend selbst aussortiert. Verlangt wird aber nur: leben und jetzt arbeiten, über jetzt. Das kriege ich hin. Die ganze Herleitung steht in Was ist zeitgenössische Kunst?
Warum ich Leute nennen lasse, was sie wollen
Zum einen, weil es merkwürdig wäre, mit jemandem zu diskutieren, der einem gerade gesagt hat, dass er die Arbeit mag. Vor allem aber, weil jedes dieser Labels eine Tür ist. Jemand tippt „kawaii goth room decor“ in die Suche und landet bei einem Waschbären mit Hut. Dem Waschbären ist es egal, in welchem Regal er gefunden wurde.
Zusammen sind die Labels sowieso genauer als jedes einzelne für sich. Süß plus unheimlich plus zu viel plus ein bisschen verfault plus gemalt von einem Kopf, der Minimalismus nicht kann. Das ist die eigentliche Antwort, und sie passt in keinen Hashtag. Genau deshalb habe ich am Ende Candy Decay erfunden.
Komm und sortier es selbst ein
Du kannst durch die Kollektion der handsignierten Drucke stöbern, jedes Stück von Hand signiert für 35 Euro, und selbst entscheiden, in welches Regal es gehört. Wenn dir dabei ein Wort einfällt, das ich noch nicht kenne, schreib es mir. So ist diese ganze Liste anscheinend entstanden.