Wie ich meinen Stil gefunden habe: Candy Decay
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Dieser Shop wird auf Englisch geschrieben. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, deshalb kann sich hier und da mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, schreib es mir gern.
Wie habe ich gelernt, so zu malen?
Diese Frage bekomme ich in letzter Zeit oft, und die Antwort ist: Es ist keine einzige Sache.
Es sind Jahre, in denen ich kleine Fähigkeiten gesammelt, experimentiert, versagt und die Richtung gewechselt habe. Irgendwie hat sich am Ende alles zusammengefügt.
Zuallererst: Ich zeichne und male seit Jahren.
Lange habe ich Porträts gemalt, vor allem Augen. Ich glaube, das hat meinen Kopf mehr trainiert als alles andere. Irgendwann siehst du nicht mehr einfach nur ein Auge, sondern jede winzige Spiegelung, jeden Schatten, jede feine Farbverschiebung. Wer einmal wirklich beobachten gelernt hat, kann fast alles malen lernen.
Außerdem habe ich viel Zeit mit abstrakter Kunst verbracht, einfach mit Farben, Texturen und Formen gespielt, ohne mich groß um Realismus zu kümmern. Rückblickend war das unglaublich wichtig. Es hat mir beigebracht zu experimentieren, statt perfekt sein zu wollen. Mit der Zeit haben sich ganz von selbst Lieblingsfarbkombinationen und Paletten entwickelt, die sich richtig angefühlt haben.
Oft werde ich gefragt, ob ich Farbenlehre studiert habe.
Ehrlich gesagt nur die Grundlagen.
Das meiste, was ich weiß, kommt daher, dass ich hunderte Bilder gemalt habe, nicht davon, dass ich Farbkreise auswendig gelernt hätte. Ich habe jahrelang digital gezeichnet, mit abstrakter Malerei experimentiert und später rund fünfzig bunte Holzplatten in einem sehr ähnlichen Stil gemacht. Irgendwann hat mein Kopf einfach angefangen zu erkennen, was funktioniert.
Es wurde zur Intuition.
Eine Sache hat komplett verändert, wie ich male: weniger auf die eigentliche Farbe zu achten und viel mehr auf den Hellwert, also darauf, wie hell oder dunkel etwas ist. Ein Baum muss nicht grün sein. Er kann lila sein, mit hellblauen oder rosa Reflexen, und wirkt trotzdem glaubwürdig, wenn die Hellwerte stimmen. Als ich das verstanden hatte, wurde die Farbwahl viel entspannter. Ich habe aufgehört zu fragen: "Welche Farbe soll das sein?" und angefangen zu fragen: "Wie hell oder dunkel soll das sein?"
Ironischerweise ist das wohl einer der Gründe, warum meine unrealistischen Farben trotzdem überzeugen. Der andere Grund sind die Details. Ich verbringe viel Zeit mit winzigen Spiegelungen, glänzenden Highlights, Kratzern und kleinen Texturen. Unser Gehirn verbindet solche Details automatisch mit Realismus. Selbst wenn die Farben also völlig unmöglich sind, sorgen Licht und Oberfläche dafür, dass alles glaubwürdig wirkt.
Ich finde auch nicht, dass man alles aus dem Kopf malen muss. Ich benutze ständig Referenzen, manchmal zwanzig verschiedene für ein einziges Bild.
Für mich ist das fast wie eine Collage im Kopf. Wenn ich eine Makrele male, die auf einer Eistüte sitzt, schaue ich mir eine echte Makrele an, schmelzendes Eis, vielleicht einen Augapfel, falls irgendwo einer versteckt ist, verschiedene Lichtsituationen und Texturen. Und dann setze ich alles zu meinem eigenen kleinen Universum zusammen.
Weil ich über die Jahre so viele verschiedene Dinge gemalt habe, ist in meinem Kopf langsam eine visuelle Bibliothek gewachsen. Jedes Objekt bringt dir etwas bei. Jedes Bild schenkt dir eine weitere Textur, eine weitere Spiegelung oder einen weiteren Schatten, den du später wieder brauchen kannst.
Ein weiterer riesiger Einfluss auf meinen Stil war die digitale Kunst.
Eine ganze Weile habe ich hauptsächlich Gitarreneffektpedale illustriert. Nicht gerade das aufregendste Motiv, also habe ich mich ständig gefragt: "Wie kriege ich das seltsam befriedigend hin?"
Digitale Kunst hat mir beigebracht, Highlights zu übertreiben, saubere Schatten zu setzen, verspielte Schriftzüge einzubauen und in sehr grafischen Kompositionen zu denken. Bis heute versuche ich, dieses leicht polierte digitale Gefühl mit Acrylmarkern, Glanzlack und Resin nachzubauen.
Sie hat mir noch etwas anderes beigebracht: Du musst nicht jedes winzige Detail perfekt ausarbeiten. Manchmal ist es viel stärker, eine Textur nur anzudeuten, statt sie exakt zu kopieren. Diese Lektion ist mir geblieben.
Enorm geholfen hat mir auch, andere Künstlerinnen und Künstler zu studieren.
Und ehrlich: Bilder zum Üben abzumalen ist einer der schnellsten Wege, besser zu werden. Nicht, um sie zu verkaufen. Nicht, um so zu tun, als wären sie deine. Einfach, um zu verstehen, warum sie funktionieren.
Warum diese Farben harmonisch wirken. Warum dein Blick durch die Komposition wandert. Warum ein Pinselstrich Tiefe erzeugt und ein anderer nicht. Jede Künstlerin und jeder Künstler, die ich bewundert habe, hat mir etwas beigebracht, und irgendwann haben sich all diese Einflüsse so vermischt, dass sie nach niemandem sonst mehr aussahen.
Sie wurden meine.
Dann kam das Leben dazwischen.
Ich habe Dinge erlebt, die meine Perspektive komplett verändert haben, und ohne dass ich es geplant hätte, sind langsam dunklere Themen in meine Bilder gewandert. Verfall, Knochen, Schädel und bittersüße Nostalgie wurden fast von selbst Teil meiner Arbeit. Melancholie hat mich schon immer angezogen. Ich verbinde gern Süßes mit Traurigem, Niedliches mit Verfall. Meine Bilder sollen etwas auslösen: manchmal Trost, manchmal Nostalgie und manchmal dieses seltsame kleine Gefühl, das man gar nicht richtig erklären kann.
Wenn du dich endlich auf das zubewegst, was dich wirklich begeistert, heißt das größte Geheimnis nicht Talent. Es heißt Wiederholung. Übung. Neugier. Und die Erlaubnis an dich selbst, hunderte schlechte Bilder zu malen, bevor eines dabei ist, auf das du wirklich stolz bist.
Gute Materialien helfen auch. Sie machen dich nicht auf magische Weise zu einer besseren Künstlerin, aber sie nehmen unnötigen Frust weg und machen das Experimentieren viel leichter. Eine Zeit lang habe ich mit Ölfarben gemalt und mit Pinseln geduldig winzige Details aufgebaut. Stehend, sitzend, in unmöglichen Verrenkungen über den Tisch gebückt: Jedes Medium bringt deinen Händen etwas anderes bei.
Du brauchst kein Kunststudium. Mein Weg war ganz sicher nicht geradlinig, aber irgendwann bin ich an einem Punkt angekommen, der sich endlich nach mir anfühlt. Und natürlich lerne ich weiter dazu. Ich hoffe, das bleibt auch so.
Die vielleicht wichtigste Zutat ist aber eine schräge Fantasie.
Manchmal schaue ich den denkbar gewöhnlichsten Gegenstand an, eine Banane, und frage mich, was das Seltsamste wäre, das ihr passieren könnte.
Vielleicht reitet ein Huhn darauf über den Ozean und angelt dabei nach Erdbeeren. Vielleicht schwebt ein fliegender Fisch vorbei. Vielleicht liegen überall winzige versteckte Knochen, kleine Botschaften, Schädel und absurde Details herum.
Mein Kopf fragt permanent: "Was wäre, wenn?"
Und dann male ich die Antwort.
So entstehen meine kleinen Candy-Decay-Welten: winzige unmögliche Orte, die sich trotzdem irgendwie echt anfühlen.
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