Welcher Kunststil passt zu mir? Wie du herausfindest, was dir wirklich liegt
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Ich schreibe alles hier zuerst auf Englisch. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, da kann sich mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, sag mir gern Bescheid.
„Welcher Kunststil passt zu mir?“ werde ich fast genauso oft gefragt wie „Wie finde ich meinen eigenen Stil?“. Das sind aber zwei verschiedene Fragen. Deinen eigenen Stil entdeckst du nach und nach in den Bildern, die du schon gemalt hast, und das braucht Zeit. Eine Richtung, mit der du erst mal anfängst, kannst du dir dagegen heute Nachmittag aussuchen.
Deshalb hier die praktische Version: was die einzelnen Stile von dir verlangen, wem sie liegen und was du machst, wenn dein Kopf zwei Dinge will, die sich gegenseitig ausschließen. Meiner macht das dauernd, deshalb bekommt das Thema einen eigenen Abschnitt.
Frag dich, wie du gern arbeitest, nicht was dir gefällt
Die meisten suchen sich einen Stil aus, weil sie sich in ein fertiges Bild verliebt haben. Das ist ein ziemlich sicherer Weg, bei etwas zu landen, das dir nach der dritten Stunde keinen Spaß mehr macht. Viel hilfreicher ist die Frage, womit deine Hände und dein Kopf beschäftigt sein wollen, während das Bild entsteht.
Mit diesen drei Fragen kommst du schon ziemlich weit:
- Wie lange hast du Lust auf ein und dasselbe Bild? Einen Nachmittag, eine Woche oder sechs Wochen mit lauter kleinen Korrekturen?
- Brauchst du Kontrolle, oder willst du überrascht werden? Manche entspannen sich, wenn das Material genau das tut, was es soll. Andere langweilen sich, sobald nichts mehr schiefgehen kann.
- Planst du lieber vorher, oder entscheidest du beim Malen? Erst skizzieren und dann ausführen, oder einfach loslegen und schauen, wohin das Bild will?
Wenn du das ehrlich beantwortest, fällt die Hälfte der Stile unten schon raus, bevor du auch nur einen Euro für Material ausgegeben hast.
Die wichtigsten Kunststile und wem sie liegen
Realismus und Zeichnen nach der Natur
Bleistift, Kuli, Graphit und viel Geduld. Hier geht es ums genaue Hinsehen: Spiegelungen, feine Unterschiede zwischen hell und dunkel, die Stelle, an der ein Schatten plötzlich warm wird. Das liegt dir, wenn Genauigkeit dich beruhigt und du gern langsam in die Details gehst. Der Einstieg kostet fast nichts, du kannst dich jahrelang darin vertiefen, und es gibt kein besseres Training für alle anderen Stile hier. Du lernst nämlich, wirklich hinzuschauen, statt nur zu malen, was du zu wissen glaubst.
Die Falle ist Perfektionismus. Wenn es um Genauigkeit geht, siehst du immer, wo deine Zeichnung noch vom Vorbild abweicht.

Linienzeichnung, Tusche und Schraffur
Nichts lässt sich rückgängig machen, nichts verwischen, es gibt nur Striche. Schraffieren und Punktieren sind so gleichförmig, dass manche Köpfe dabei richtig zur Ruhe kommen. Das Material kostet fast nichts, du kannst es überallhin mitnehmen, und ein Bild ist klein genug für einen Abend.
Passt gut zu dir, wenn du dich gern früh festlegst und nicht zusätzlich noch zwanzig Farbentscheidungen treffen willst.
Minimalismus
Wenige Elemente, viel leere Fläche, eine Idee pro Bild. Das liegt dir, wenn volle Bilder dich stressen und dir das Aussortieren Spaß macht, also die Entscheidung, was alles weg kann.
Es ist viel schwerer, als es aussieht. Bei drei Elementen auf dem Blatt fällt jedes einzelne auf, und es gibt keinen unruhigen Hintergrund, der eine missglückte Form kaschiert.
Maximalismus
Alles voll machen. Und dann noch die Ecken. Das liegt dir, wenn leere Flächen dich unruhig machen, du Details sammelst und problemlos eine Woche lang in einem einzigen Bild abtauchen kannst.
Die Gefahr: Irgendwann ist es nur noch Durcheinander. Auch ein lautes Bild braucht einen Weg, dem das Auge folgen kann. Genau darum geht es in Wie ein lautes, volles Bild trotzdem lesbar bleibt.

Pop Surrealism und Lowbrow
Sorgfältig gemalt, aber mit völlig albernen Motiven, und die Comiclogik wird dabei todernst genommen. Das liegt dir, wenn deine Ideen mit „Was wäre, wenn …“ anfangen, du gern eine ganze Geschichte in ein einziges Bild packst und Dinge kombinierst, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.
Genau das mache ich auch. Ausführlicher erkläre ich es in Was ist Pop Surrealism? und Was ist Lowbrow Art?

Abstrakte und intuitive Malerei
Farbe, Struktur, Rhythmus, und nichts, womit man das Ergebnis vergleichen könnte. Das liegt dir, wenn du einfach spielen willst, ohne dass ständig die Frage mitschwingt, ob es „richtig“ aussieht. Als Übung wird abstraktes Malen total unterschätzt. Dass ich heute ganz automatisch weiß, welche Farben ich nehme, verdanke ich Jahren mit abstrakten Bildern.
Aquarell und lockeres Malen
Schnell, durchscheinend und nie ganz zu bändigen. Ideal, wenn du dich gern überraschen lässt und ein Bild lieber in einer Stunde fertig hast, als einen Monat daran herumzufeilen. Wenn du alles im Griff haben willst, wirst du mit Aquarell nicht glücklich.
Flächige Farben, Plakatstil und Street Art
Kräftige Konturen, klare Farbflächen, ein Motiv, das man auch vom anderen Ende des Raums noch erkennt. Das liegt dir, wenn du eher in Formen und Umrissen denkst als in winzigen Details. Und es funktioniert wunderbar auf Prints, Stickern und Wänden. Mehr dazu in Warum meine Kunst in die Street-Art-Welt gehört.
Collage und Mixed Media
Papier, Schere, Farbe und alles, was sonst noch auf dem Tisch liegt. Passt zu dir, wenn du dich schnell langweilst, Material liebst und ein leeres Blatt viel weniger einschüchternd findest, sobald schon irgendwas draufklebt.
Digitale Illustration
Rückgängig machen, Ebenen, keine Kleckserei, keine Trockenzeit. Ideal, wenn du schnell viele Varianten ausprobieren willst oder in deinem Wohnzimmer kein Platz für ein Atelier ist. Die Falle: Nichts ist jemals wirklich fertig, du kannst endlos weiter daran herumbasteln.
Wenn du zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig willst
An dieser Stelle helfen die meisten Stil-Tipps nicht mehr weiter. Und genau danach fragen mich andere neurodivergente Künstlerinnen und Künstler am häufigsten.
Mit Autismus
Es gibt zwei Richtungen, die sehr oft vorkommen und auf den ersten Blick wie Gegensätze wirken. Die eine ist Präzision: Bleistift und Kuli, winzige Details, Wiederholung, Zurückhaltung, ein Bild, in dem alles genau da ist, wo es hingehört. Bei der anderen geht es um Sinneseindrücke: kräftige Farben, Muster, dicht gefüllte Flächen, weil sich das richtig gut anfühlt und eben nicht überfordert.
Beides ist total verbreitet, und keins davon ist „autistischer“ als das andere. Gemeinsam ist beiden, dass das Bild ein Ort ist, an dem du die Regeln bestimmst und dich nichts überrumpelt.
Mit ADHS
Neues ist das, was dich antreibt. Anfangen ist leicht, in der Mitte zieht es sich wie Kaugummi, und das Bild, an dem du gerade sitzt, ist immer langweiliger als die Idee, die dir eben eingefallen ist. Was dazu passt, statt dagegen zu arbeiten: kleine Formate, schnelle Techniken, Collage, Mixed Media, Serien mit Spielraum und mehrere Bilder gleichzeitig, damit du wechseln darfst, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Wie das bei mir aussieht, erzähle ich in Als autistische Künstlerin mit ADHS und in Warum ADHS-Gehirne ein bisschen zu viel lieben.
Wenn beides zusammenkommt, so wie bei mir
Ich will es laut, bunt, voll und ein bisschen drüber. Gleichzeitig will ich, dass alles berechenbar ist, unter Kontrolle und jedes Mal gleich. In einem einzigen Bild kriegt man das nicht unter, also muss die Ordnung von außerhalb des Bildes kommen.
Hol dir die Ordnung von außen
Das ist der hilfreichste Tipp, den ich für alle mit einem vollen Kopf habe. Wenn die Bilder selbst chaotisch sind, steckt die Ordnung eben in den Entscheidungen drumherum:
- Ein Format, und zwar für immer. Fast alle meine Originale sind 15 × 15 Zentimeter große Holzplatten mit schwarzen Kanten. Das habe ich einmal entschieden und muss nicht vor jedem Bild neu darüber nachdenken.
- Immer ähnliche Motive. Tiere, Essen, ab und zu ein Totenkopf. Jedes Bild ist anders, aber die Besetzung bleibt gleich.
- Farben, die immer wiederkommen. Rosa taucht bei mir wirklich überall auf, auch da, wo es eigentlich nichts verloren hat.
- Jedes Material hat seine Aufgabe. Acryl für Flächen, Acrylmarker für Linien, Alkoholmarker für satte Farben, Öl für alles Weiche. So kommen sich die Materialien nicht in die Quere.
- Nummerier deine Serien. No. 01, No. 02, No. 03. Eine Nummer verspricht, dass es weitergeht, und nimmt dem einzelnen Bild den Druck.
- Immer derselbe Abschluss. Firnis, Signatur, Stempel, Foto. In dieser Reihenfolge, jedes Mal.
Innerhalb dieser Regeln darfst du so verrückt malen, wie du willst. Der Rahmen steht fest, der Inhalt darf wild sein.

Die Food Studies entstehen, wenn ich meinen eigenen Rat mal andersherum anwende: eine Frucht, schlichter Hintergrund, keine Geschichte, durchnummeriert. Derselbe Kopf, nur auf leise gestellt.
Einen Stil ausprobieren, ohne dich gleich festzulegen
- Mal fünf Bilder im selben Format innerhalb einer Woche. Ein Bild sagt noch gar nichts. Nach fünf weißt du, ob du dich aufs Malen gefreut hast.
- Achte auf die öden Stellen. Die gibt es bei jedem Stil. Die Frage ist nur, ob sie dich ein bisschen nerven oder ob du sie gar nicht aushältst.
- Schau, was an schlechten Tagen übrig bleibt. Welche Entscheidungen triffst du auch dann noch, wenn du müde bist und mit schlechterem Material malst? Das sind die, die wirklich zu dir gehören.
- Schreib auf, was du nicht willst. Die Dinge, die du immer wieder korrigierst, sagen eine Menge über deinen Geschmack. Und so eine Liste ist viel leichter geschrieben als ein Künstlerstatement.
Ausführlich geht es darum in Wie du deinen eigenen Kunststil findest. Und wenn dein eigentliches Problem gar nicht der Stil ist, sondern du in dem, was du schon machst, besser werden willst, lies Wie werde ich besser im Malen?
Du darfst auch mehrere Stile haben
Niemand muss sich auf einen Stil festlegen und dann für immer dabei bleiben. Im Shop habe ich sogar eine eigene Ecke für Bilder, die nicht zu meinem üblichen Stil passen. Darüber habe ich in Cross Style: Warum nicht alles bei mir Candy Decay ist geschrieben. Dein Stil steckt in den vielen Entscheidungen hinter dem Bild, nicht im Motiv. Deshalb geht er auch nicht verloren, wenn du deine Meinung änderst.
Falls du dich in meiner Art zu malen wiederfindest
Wenn du dich eher am bunten, vollen, niedlichen und leicht schrägen Ende dieser Liste wiedererkannt hast: Ich habe aufgeschrieben, wie ich arbeite. Vier digitale Guides als PDF zum sofortigen Download (auf Englisch), jeder für ein anderes Problem:
- The Strangest Guide to Finding Your Art Style hilft dir in der Phase dazwischen. Du hast einen Ordner voller Bilder, die aussehen, als hätten sie sechs verschiedene Leute gemalt, und eine Schublade voller Material, bei dem nicht klar ist, wofür du es eigentlich nimmst. Der Guide zeigt dir, wie du aus deinen bisherigen Bildern herausliest, was dir wichtig ist, und wie du jedem Werkzeug eine feste Aufgabe gibst.
- The Candy Decay Color System ist für alle, die maximalistisch malen. Wenn du zwanzig Farben in einem Bild willst und die ständig matschig werden oder sich gegenseitig übertönen, ist das der richtige. Es geht um Neon, satte Farben, Leuchten ohne Neonfarbe und darum, wie trotzdem alles zusammenpasst.
- The Candy Decay Composition System ist für alle, die die ganze Fläche vollmalen. Volle Bilder brauchen viel dringender einen Weg fürs Auge als leere. Hier zeige ich, wie ein vollgepacktes Bild übersichtlich bleibt und nicht zum Durcheinander wird.
- Why Does My Art Feel Off? ist für den Moment, in dem du vor deinem Bild sitzt und grübelst. Das Bild ist fertig, irgendwas stimmt nicht, aber du kommst nicht drauf, was. Der Guide führt dich Schritt für Schritt durch, was du prüfen kannst und woran es meistens liegt.
Alle vier sind aus meiner lauten, bunten Mixed-Media-Arbeit entstanden und passen deshalb am besten zum maximalistischen Teil dieses Artikels. Wenn du eher beim Minimalismus oder beim Zeichnen nach der Natur gelandet bist, kannst du die Gedanken trotzdem übertragen. Die Beispiele sind halt nur sehr rosa.

Alle vier zusammen bekommst du als Candy Decay Art Guide Library für 29,99 Euro statt 42,96 Euro. Einen fertigen Stil können sie dir nicht liefern, das kann niemand. Aber sie zeigen dir, worauf du achten kannst, während du deinen eigenen entwickelst.
Und wenn du dir lieber gleich ein fertiges Bild an die Wand hängen willst: Die handsignierten Prints gibt es für 35 Euro.