Wie werde ich besser im Malen? Was du üben kannst, wenn du nicht weiterkommst
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Ich schreibe alles hier zuerst auf Englisch. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, da kann sich mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, sag mir gern Bescheid.
„Wie werde ich besser im Malen?“ ist die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, und die ehrliche Antwort ist ziemlich langweilig: mehr malen. Hilfreicher ist die Frage, was du mehr malen solltest. Die meisten üben nämlich genau das, was sie ohnehin schon können, und wundern sich dann, dass sich nichts tut.
Ich habe mir alles selbst beigebracht. Das hier ist also kein Lehrplan, sondern das, was bei mir funktioniert hat. Was mich über die Jahre am meisten weitergebracht hat, steht in 15 Tipps, die meine Bilder verändert haben. In diesem Artikel geht es um die andere Hälfte: was du konkret üben kannst, wenn du dich hinsetzt.
Besser malen ist nicht eine einzige Fähigkeit
Wenn ein Bild nicht klappt, sagen die meisten: „Ich muss besser malen lernen.“ Das ist ungefähr so, als würdest du sagen, du musst sportlicher werden. Eigentlich stecken da etwa sechs verschiedene Fähigkeiten drin, und jede entwickelt sich für sich:
- Sehen. Proportionen, Formen und das, was wirklich vor dir liegt, statt dem Bild, das dein Kopf davon abgespeichert hat.
- Hell und Dunkel. Wie hell oder dunkel etwas ist. Das trägt ein Bild viel mehr als die Farbe.
- Farbe. Genau die Farbe mischen, die du im Kopf hast, und Farben nebeneinandersetzen, ohne dass alles matschig wird.
- Bildaufbau. Was wohin kommt, wie groß es ist und wie das Auge durchs Bild wandert.
- Umgang mit dem Material. Genau wissen, was jedes Werkzeug macht, nass und trocken, über und unter allem anderen.
- Fertigstellen. Kanten, letzte Details und das Gespür dafür, wann Schluss ist.
Gib dir bei jedem Punkt ehrlich eine Note von eins bis fünf. Woran du im nächsten Monat arbeitest, ist der Punkt mit der schlechtesten Note. Das macht fast niemand, weil genau das meistens auch der Punkt ist, auf den man am wenigsten Lust hat.

Warum du nicht weiterkommst
Wenn du auf der Stelle trittst, liegt es fast immer daran, dass du immer wieder die gleiche Art Bild malst, mit der du dich wohlfühlst. Noch ein Bild auf die gewohnte Art ist kein Üben, sondern einfach Malen. Damit hältst du dein Niveau, aber du wirst nicht besser.
Üben heißt, dir eine einzige Sache vorzunehmen und alles andere hässlich sein zu lassen. Ein Blatt mit Hell-Dunkel-Studien darf furchtbar aussehen. Es ist kein Bild, es ist Training.
Übungen, die wirklich etwas bringen
- Drei Grautöne, 20 Minuten. Nimm irgendein Foto und mal es nur mit drei Grautönen: hell, mittel, dunkel. Keine Farbe, keine Details. Mach das zehnmal, und deine Bilder wirken plötzlich stabiler, ohne dass du genau sagen könntest, warum.
- Fünfmal derselbe Gegenstand. Ein Gegenstand aus fünf Blickwinkeln, und zwar nach dem echten Ding, nicht nach einem Foto. Nicht fünf verschiedene Dinge. Durch die Wiederholung lernst du, und spätestens beim vierten Mal malst du nicht mehr, was du zu wissen glaubst, sondern was du wirklich siehst.
- Bilder nachmalen. Such dir ein Bild aus, das du bewunderst, und mal es nach, um daraus zu lernen, nie zum Verkaufen oder um es als deins auszugeben. Nach zwanzig Minuten verstehst du, warum der Bildaufbau funktioniert. Das geht schneller, als ein Jahr lang darüber zu lesen.
- Eine Woche lang nur drei Farben und Weiß. Mit so wenigen Farben musst du mischen, und genau beim Mischen verstehst du, wie Farbe funktioniert. Mit einem vollen Farbkasten drückst du dich um diese ganze Lektion.
- Sechs Mini-Skizzen, bevor du anfängst. Je zwei Minuten, so groß wie eine Streichholzschachtel, ohne Details. Du probierst nur aus, wo die großen Formen hinkommen. Die sechste ist meistens besser als die Idee, mit der du dich hingesetzt hast.
- Ein Testblatt für jedes Material. Eine Seite pro Werkzeug: Wie sieht es dick aus, wie dünn, über getrockneter Farbe, unter einem Marker, auf Firnis? Langweilig, aber keine andere Angewohnheit hat mir so viele Katastrophen erspart.
- Mal die Zwischenräume, nicht den Gegenstand. Also die Formen drumherum, oder du drehst die Vorlage auf den Kopf. Beides schaltet den Teil deines Kopfes ab, der alles sofort benennt. Und genau der gaukelt dir vor, du wüsstest schon, wie eine Hand aussieht.
Zwanzig konzentrierte Minuten mit einer dieser Übungen bringen mehr als zwei Stunden Herumbessern an einem Bild, das eigentlich schon fertig war.

Hell und Dunkel sind wichtiger als die Farbe
Wenn dich ein Punkt aus dieser Liste am schnellsten weiterbringt, dann dieser. Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen, welche Farbe etwas hat, und stattdessen gefragt, wie hell oder dunkel es ist. Ein Baum kann lila sein mit rosa Lichtern und trotzdem glaubwürdig aussehen, solange Hell und Dunkel stimmen. Ein Bild wirkt nicht falsch, weil die Farben unrealistisch sind. Es wirkt falsch, wenn Hell und Dunkel nicht stimmen.
Probier es aus und fotografier dein Bild in Schwarzweiß. Wenn dann alles zu einem grauen Einheitsbrei wird, lag es nie an deiner Zeichnung.

Mach Bilder fertig, am besten kleine
Ein fertiges Bild bringt dir Dinge bei, die du im Skizzenbuch nie lernst: wie du durch die hässliche Phase in der Mitte kommst, wie du einen Fehler wieder rettest und wann du aufhören musst. Bei Skizzen kannst du genau in dem Moment aufhören, in dem es lehrreich wird.
Mit kleinen Formaten ist das gut zu schaffen. Die meisten meiner Originale sind 15 × 15 Zentimeter groß. So eine kleine Holzplatte kriegst du in überschaubarer Zeit fertig. Das heißt mehr fertige Bilder, und damit lernst du mehr in einem Monat.


Woran du merkst, dass du besser wirst
Spüren wirst du es nicht. Im Gegenteil: Wenn du besser wirst, kommt es dir oft so vor, als würden deine Bilder schlechter. Dein Blick entwickelt sich nämlich schneller als deine Hände, und plötzlich siehst du alles, was nicht stimmt.
- Fotografier jedes fertige Bild. Vergleich über ein halbes Jahr, nie über eine Woche.
- Schreib zu jedem Bild einen Satz. Was du verbessert hast und was du beim nächsten Mal anders machen würdest. Nach vier Monaten siehst du daran ziemlich genau, wo deine Schwachstellen liegen.
- Stell bessere Fragen. „Gefällt es dir?“ bringt dir nichts. „Wo schaust du zuerst hin?“ und „Was wirkt für dich unfertig?“ bringen dir Antworten, mit denen du etwas anfangen kannst.
- Zähl, wie viele Bilder du fertig machst. Nicht die Stunden und nicht die guten Vorsätze, sondern die fertigen Bilder.
Üben mit ADHS oder Autismus
Die meisten Übungstipps setzen voraus, dass du dich jeden Tag zur selben Zeit hinsetzen kannst und Routinen magst. Wenn das bei mir so wäre, sähe mein Shop komplett anders aus.
- Mach dir das Anfangen leicht. Das Material bleibt auf dem Tisch liegen und ist sofort griffbereit. Bei jedem Schritt, der zwischen dir und dem ersten Pinselstrich liegt, kann dir die ganze Malzeit verloren gehen.
- Nimm dir winzige Portionen vor. Ein Quadratzentimeter. Eine Mini-Skizze. Zehn Minuten. Es geht ums Anfangen, denn das ist der schwierigste Teil.
- Wechsel ganz bewusst. Arbeite an mehreren Bildern gleichzeitig. Dann ist Wechseln Teil des Plans und kein Versagen.
- Hol dir die Abwechslung über die Übung, nicht über ein neues Projekt. Neues Material, neues Motiv, eine neue Regel, aber immer dasselbe kleine Format. So bekommst du deinen Kick, ohne schon wieder eine halb fertige Leinwand liegen zu lassen.
- Hör immer gleich auf. Firnis, signieren, stempeln, fotografieren. Wenn der Abschluss immer gleich abläuft, musst du nicht jedes Mal neu entscheiden, ob ein Bild fertig ist.
Wie mein Kopf meine Arbeit prägt, erzähle ich in Als autistische Künstlerin mit ADHS.
Vier Dinge, über die du dir keine Gedanken machen musst
- Talent. Was von außen wie Talent aussieht, ist fast immer ein früher Start plus sehr viel Übung.
- Teures Material. Gutes Material erspart dir Frust, aber besser malen kannst du dadurch nicht. Ab einem gewissen Punkt liegt es nicht mehr am Werkzeug.
- Dein Stil. Der kommt ganz von allein, wenn du genug malst. Wenn du ihm hinterherjagst, läuft er dir davon. Ausführlich schreibe ich darüber in Wie du deinen eigenen Kunststil findest. Und falls du noch überlegst, in welche Richtung du überhaupt gehen willst, hilft dir Welcher Kunststil passt zu mir?
- Ordentlichkeit. Sichtbare Pinselstriche sind kein Fehler. Warum, erkläre ich in Warum grob gemalte Bilder trotzdem gut sein können.
Ein Plan für vier Wochen, falls du einen willst
- Woche 1: Sehen. Jeden Tag zehn Minuten einen echten Gegenstand abzeichnen. Gern die ganze Woche denselben.
- Woche 2: Hell und Dunkel. Dreimal in dieser Woche ein Foto in drei Grautönen malen, je zwanzig Minuten.
- Woche 3: Farbe. Nur drei Farben und Weiß. Alles wird gemischt, nichts kommt direkt aus der Tube.
- Woche 4: Bildaufbau und ein fertiges Bild. Sechs Mini-Skizzen, eine davon aussuchen und bis zum Firnis durchziehen.
Das sind im ganzen Monat ungefähr vier Stunden, und sie bringen dir mehr als vier weitere Bilder auf deine gewohnte Art.

Welcher meiner Guides dir bei welchem Problem hilft
Ich habe aufgeschrieben, wie ich arbeite, und daraus vier digitale Guides gemacht, alle als PDF zum sofortigen Download (auf Englisch). Sie sind aus meiner lauten, bunten Mixed-Media-Arbeit entstanden. Wenn du groß, knallig und voll malst, sind sie wie für dich gemacht. Wenn du eher ruhig und minimalistisch arbeitest, kannst du die Gedanken trotzdem übertragen. Die Beispiele sind halt nur sehr rosa.
- Why Does My Art Feel Off? ist für den Moment, in dem du vor deinem Bild sitzt und grübelst. Das Bild ist fertig, irgendwas stimmt nicht, aber du kommst nicht drauf, was. Der Guide führt dich Schritt für Schritt durch, was du prüfen kannst und woran es meistens liegt.
- The Candy Decay Color System ist für alle, die maximalistisch malen. Wenn du zwanzig Farben in einem Bild willst und die ständig matschig werden oder sich gegenseitig übertönen, ist das der richtige. Es geht um Neon, satte Farben, Leuchten ohne Neonfarbe und darum, wie trotzdem alles zusammenpasst.
- The Candy Decay Composition System ist für alle, die die ganze Fläche vollmalen. Volle Bilder brauchen viel dringender einen Weg fürs Auge als leere. Hier zeige ich, wie ein vollgepacktes Bild übersichtlich bleibt und nicht zum Durcheinander wird.
- The Strangest Guide to Finding Your Art Style hilft dir in der Phase dazwischen. Du hast einen Ordner voller Bilder, die aussehen, als hätten sie sechs verschiedene Leute gemalt, und eine Schublade voller Material, bei dem nicht klar ist, wofür du es eigentlich nimmst. Der Guide zeigt dir, wie du aus deinen bisherigen Bildern herausliest, was dir wichtig ist, und wie du jedem Werkzeug eine feste Aufgabe gibst.

Alle vier zusammen bekommst du als Candy Decay Art Guide Library für 29,99 Euro statt 42,96 Euro. Das lohnt sich vor allem, wenn du dich in mehr als einer dieser Beschreibungen wiedererkannt hast.
Üben musst du trotzdem selbst. Aber du verschwendest weniger Zeit mit Übungen, die dich nicht weiterbringen.