Sample page from The Strangest Guide to Finding Your Art Style, showing early sketchbook work by Paintranger with recurring choices: neon outlines, animals, hot pink and loose layers

Wie du deinen eigenen Kunststil findest (auch wenn ihn dir niemand geben kann)

Claudia Schmidt

Kleiner Hinweis: Ich schreibe alles hier zuerst auf Englisch. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, da kann sich mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, sag mir gern Bescheid.

Fast jede Woche fragt mich jemand: Wie finde ich meinen eigenen Stil? Und jedes Mal hätte ich gern eine schönere Antwort als die ehrliche. Die ehrliche lautet: Einen Stil kann dir niemand geben. Ich nicht, ein Kurs nicht und zwanzig PDF-Seiten auch nicht. Bis du deinen Stil gefunden hast, können Jahre vergehen, und das ist völlig normal.

Was schneller gehen kann, ist das Erkennen. Die meisten treffen längst immer wieder dieselben Entscheidungen, sie sehen es nur nicht. Genau darum geht es in meinem neuen Guide The Strangest Guide to Finding Your Art Style. Hier sind ein paar Ideen daraus, die erfahrungsgemäß am schnellsten weiterhelfen.

Stil ist mehr als ein bestimmter Look

Wenn Leute von Stil sprechen, meinen sie meistens die Oberfläche: Linien, Farben, Struktur. Darunter liegt aber noch viel mehr. Das Gefühl, das in deinen Bildern immer wiederkommt. Wo du Dinge hinsetzt und wie voll oder leer ein Bild wirkt. Was deine Materialien wirklich machen. Und ganz obendrauf kommt das, was am meisten auffällt und am wenigsten wichtig ist: das Motiv.

Dieser letzte Punkt ist wichtig. Wenn sich in deinen Bildern nur das Motiv wiederholt, hast du vielleicht eine Lieblingsfigur, aber noch keinen Stil. Dein Stil steckt tiefer als dein Maskottchen.

Deine alten Bilder verraten schon eine Menge

Such in deinen alten Skizzenbüchern nicht nach einer kleinen Version von dem, was du heute malst. Die wirst du nicht finden. Achte lieber auf Entscheidungen, die immer wiederkommen: eine Farbe, zu der du ohne Nachdenken greifst, eine Kante, die du immer rau lässt, die Art, wie du eine Seite vollpackst oder leer lässt.

Als ich mir meine alten Sachen angeschaut habe, hätten sie unterschiedlicher kaum sein können. Eine Ente mit Neonumriss. Sorgfältig schraffierte Hände. Ein Hahn in knalligem Rosa. Lockere Schichten in Aquarell. Ganz verschiedene Motive, aber immer dieselben Gewohnheiten: knalliges Rosa, Tiere, kräftige Linien, mehrere Schichten und viel genaues Hinschauen. Genau darauf habe ich alles andere aufgebaut. Wenn du noch nicht viele alte Bilder hast, ist das kein Problem. Mal einfach weiter. Du brauchst erst genug Bilder, bevor du darin ein Muster erkennen kannst.

Dein Geschmack steckt in dem, was dich stört

Ein Künstlerstatement zu schreiben ist schwer. Sich zu beschweren ist leicht. Also nutz das. Wenn du in jedem Bild dieselbe Sache korrigierst, hast du eine deiner Regeln gefunden.

Zu sauber, zu niedlich, zu langweilig, zu brav. Hinter jedem dieser Urteile steckt etwas, das du eigentlich willst. Schreib fünf Dinge auf, die du immer wieder korrigierst. Diese Liste bringt dir mehr als fünf schöne Wörter über deine Kunst, weil sie dir schon beim nächsten Pinselstrich hilft.

Gib jedem Material eine Aufgabe

Eine Schublade voller Stifte, bei denen du nicht weißt, wofür sie gut sind, ist noch kein Stil. Viel mehr bringt es, genau zu wissen, was jedes Werkzeug kann: welche Kante es hinterlässt, ob es deckt oder durchscheint und wie es sich verhält, wenn du etwas darübermalst. Bei mir ist Acrylfarbe für Hintergründe und große Flächen da, Acrylmarker für Linien und Lichter, Alkoholmarker für satte, durchscheinende Farben, und Ölfarbe nehme ich, wenn ich Nebel und ganz weiche Übergänge will.

Beispielseite aus The Strangest Guide to Finding Your Art Style: eine Tabelle, was jedes Mixed-Media-Material am besten kann und worauf man achten sollte

Deine Liste wird anders aussehen, und genau darum geht es. Ein Material muss nicht bestimmen, wer du bist. Es muss nur seine Aufgabe erfüllen. Und wenn mal etwas schiefgeht, ein verschmierter Strich oder ein Marker, der die Farbe darunter anlöst, dann schau es dir erst genau an, bevor du es ausbesserst. Viele meiner liebsten Effekte sind zufällig entstanden, und ich habe später gelernt, sie absichtlich zu wiederholen.

Drei ehrliche Tests

Wenn du glaubst, dass du etwas gefunden hast, prüf es.

Der Test für schlechte Tage. Welche Entscheidungen triffst du auch dann noch, wenn du wenig Zeit, wenig Energie oder schlechteres Material hast? Die gehören wahrscheinlich zum Kern. Auf den Rest kannst du im Zweifel verzichten.

Der Test ohne Signatur. Deck deine Signatur ab und nimm deine typische Figur raus. Fühlen sich Linien, Farben, Bildaufbau und Stimmung dann immer noch nach dir an?

Der Test mit neuem Motiv. Such dir etwas aus, das du noch nie gemalt hast. Triffst du dabei dieselben Entscheidungen wie sonst, oder malst du es nur in deinen üblichen Farben an?

Einen Stil zu haben heißt nicht, für immer dasselbe Bild zu malen. Es heißt, dass ganz verschiedene Bilder durch deine Entscheidungen zusammengehören.

Was im Guide steckt

Cover von The Strangest Guide to Finding Your Art Style, einem 20-seitigen Mixed-Media-Guide von Paintranger

Der Guide hat 20 Seiten und folgt dem Weg, der bei mir wirklich funktioniert hat: von Porträts im Auftrag und dem Zeichnen nach der Natur über Bilder von Pole-Sportlerinnen, abstrakte Schichten und Experimente mit Material bis hin zu Candy Decay. Es geht darum, wie du aus deinen alten Bildern liest, was dir wichtig ist, wie du jedem Material eine klare Aufgabe gibst, was du dir von digitaler Kunst fürs Malen mit echten Farben abschauen kannst, wie du eine Liste mit Dingen schreibst, die du nicht willst, und wie du dein eigenes Leben in deine Bilder bringst. Einiges davon stützt sich auf acht Studien zu Zeichnen, Kreativität und Einschränkungen, die Quellen stehen alle am Ende.

Du bekommst zwei PDF-Versionen, eine für den Bildschirm mit klickbarem Inhaltsverzeichnis und eine zum Ausdrucken, für 9,99 Euro zum sofortigen Download. Der Guide selbst ist auf Englisch. Wenn du gleich alle haben willst: In der Candy Decay Art Guide Library bekommst du alle vier Guides für 29,99 Euro statt 42,96 Euro.

Ich kann dir nicht versprechen, dass du deinen Stil auf zwanzig Seiten findest. Das dauert eben so lange, wie es dauert. Aber wenn dich zwei oder drei Ideen in die richtige Richtung bringen, hat sich der Guide gelohnt.

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