Autistische Künstlerin mit ADHS
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Dieser Shop wird auf Englisch geschrieben. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, deshalb kann sich hier und da mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, schreib es mir gern.
Leute fragen mich oft, woher meine Ideen kommen.
Die ehrliche Antwort: keine Ahnung.
Mein Kopf wirft mir ständig seltsame Dinge hin. Eine Taube, die Pizza frisst. Ein Waschbär, der Schätze aus einem Müllhaufen klaubt. Eine Erdbeere neben einem Schädel. Die meisten Menschen sortieren ihre Gedanken offenbar in ordentliche kleine Schubladen. Meine krachen lieber mit Vollgas ineinander.
Meine Diagnosen, Autismus und ADHS, habe ich erst als Erwachsene bekommen. Rückblickend erklärt das eine Menge.
Ich war immer ein bisschen aus dem Takt mit der Welt um mich herum. Small Talk lag mir noch nie. Volle Orte saugen mich in Rekordzeit leer. Meine Aufmerksamkeit kann komplett in etwas versinken, das mich fasziniert, während der ganz normale Alltagskram unmöglich erscheint. Gleichzeitig ist mein Kopf endlos neugierig und sucht ununterbrochen nach ungewöhnlichen Verbindungen.
Lange dachte ich, das müsste ich reparieren.
Heute sehe ich das anders.
Vieles, wodurch ich mich früher komisch gefühlt habe, ist genau das, was meine Kunst möglich macht.
Ich lebe in einem kleinen Dorf in Norddeutschland, mit meinem Mann und unseren zwei Kindern. Es ist ruhig hier. Zwischen Familienleben, Schulwegen, Katzen, unfertigen Projekten und endlos vielen Tassen Tee baut mein Kopf im Hintergrund weiter an seltsamen kleinen Welten.
Aus diesen Welten wurde irgendwann das, was ich heute Candy Decay nenne.
Candy Decay ist der Name für das visuelle Universum, das sich durch meine ganze Arbeit zieht. Knallige Farben. Süße Tiere. Junkfood. Zucker. Müll. Knochen. Verfall. Humor. Melancholie.
So erlebe ich die Welt.
Ich sehe Schönheit in Dingen, die sonst niemand beachtet. Ein kaputtes Spielzeug. Ein weggeworfener Pizzakarton. Eine Taube, an der alle vorbeilaufen. Der Kontrast zwischen etwas Süßem und etwas Unangenehmem fasziniert mich. Das Leben ist schön, lächerlich, zerbrechlich und schräg, alles zugleich.
Anfang 2026 wurde dieses Gefühl noch stärker.
Nach einer Dissektion der Halsschlagader musste ich runterfahren und vieles in meinem Leben neu bewerten. Die Genesung brachte Angst, Unsicherheit und ein neues Bewusstsein dafür, wie schnell sich alles ändern kann. Außerdem habe ich seitdem aufgehört, mir dauernd Gedanken darüber zu machen, was meine Kunst sein sollte.
Stattdessen habe ich angefangen, das zu machen, was sich wahr anfühlt.
Herausgekommen ist Candy Decay.
Nicht, weil ich es geplant hätte.
Sondern weil ich endlich aufgehört habe, mich zu filtern.
Heute sind meine Bilder voll mit Aasfressern, Tauben, Erdbeeren, Knochen, Junkfood, seltsamen Kreaturen und winzigen Geschichten. Manche finden sie lustig. Manche finden sie verstörend. Die meisten finden sie schwer zu erklären.
Ich glaube, genau deshalb gibt es sie.
Autistisch zu sein und ADHS zu haben macht niemanden automatisch kreativ. Bei mir hat es aber geprägt, wie ich die Welt sehe. Es hat mir beigebracht, Details zu bemerken, die andere übersehen, Regeln zu hinterfragen, die keinen Sinn ergeben, und Ideen dorthin zu folgen, wohin sie eben wollen.
Auch wenn dabei eine pizzaliebende Taube herauskommt.
Vor allem, wenn dabei eine pizzaliebende Taube herauskommt.
Willkommen bei Candy Decay.
Willkommen bei Paintranger.
Wenn du mehr darüber lesen willst, wie diese Erfahrung meine Kunst und meinen Blick geprägt hat: Ich schreibe darüber in Neurodivergente Künstlerin: ein Leben zwischen den Kategorien und Wie Kunst mir hilft, medizinisches Trauma, Sterblichkeit und Angst zu verarbeiten. Was das für meine Identität bedeutet, steht ausführlicher in Ich wusste bis 34 nicht, dass es ein Wort für mich gibt.
Und wenn du sehen willst, wo das alles direkt in der Kunst auftaucht und nicht nur in mir: darüber habe ich in Stimming mit Farbe und More Is More: Warum ADHS-Gehirne ein bisschen zu viel lieben geschrieben.