Kunst hat mir gezeigt, dass ich queer bin: meine Geschichte als neurodivergente Mutter in einer heterosexuellen Ehe
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Dieser Shop wird auf Englisch geschrieben. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, deshalb kann sich hier und da mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, schreib es mir gern.
Ich habe mich schon immer merkwürdig zur queeren Community hingezogen gefühlt.
Lange konnte ich nicht erklären, warum. Ich war mit einem Mann verheiratet, wir hatten zwei Kinder, und ich habe diesen Teil meines Lebens nie hinterfragt. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass ich eine Verbündete bin, die sich in queeren Räumen zu Hause fühlt.
Erst mit 34 fing ich an, mich zu fragen, ob da mehr dahintersteckt.
Etwa zur gleichen Zeit hatte ich die Diagnosen Autismus und ADHS bekommen. Wie viele spät diagnostizierte neurodivergente Menschen habe ich mein Leben plötzlich durch eine völlig andere Brille betrachtet. Studien zeigen, dass autistische Menschen und Menschen mit ADHS häufiger LGBTQ+ sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das heißt nicht, dass das eine das andere verursacht. Aber es hat mich nachdenklich gemacht, ob es da etwas an mir gibt, das ich nie wirklich angeschaut habe.
Meine Kunst wurde ganz unerwartet Teil dieses Prozesses.
Ohne es zu planen, habe ich immer wieder Gegensätze gemalt. Süßigkeiten und Verfall. Niedliche Dinge und Knochen. Knallige Farben und Tod. Wieder und wieder habe ich Dinge kombiniert, die normalerweise nicht zusammengehören. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum sich diese Kombinationen für mich so selbstverständlich anfühlen.
Die Antwort hat mich überrascht.
Ich mag Gegensätze nicht nur in meinen Bildern. Ich hatte immer das Gefühl, selbst irgendwo dazwischen zu existieren.
Nicht nur zwischen männlich und weiblich, sondern in vielen Bereichen meines Lebens. Zwischen verspielt und ernst. Zwischen der Liebe zu albernen Gesprächen und dem Bedürfnis, über Leben, Tod und alles dazwischen zu reden. Zwischen Struktur und Chaos. Zwischen dem Gefühl, ein Kind zu sein, und dem Gefühl, viel älter zu sein, als ich bin.
Rückblickend gab es so viele kleine Momente, die plötzlich Sinn ergaben.
Ich liebe Glitzer, bunte Sachen und trage ab und zu gern Kleider. Gleichzeitig will ich zäh sein wie Rambo. Nichts davon hat sich für mich je widersprüchlich angefühlt. Das sind einfach verschiedene Teile von mir.
Wenn Jungs in mich verknallt waren, war meine ehrliche Reaktion oft: „Moment mal ... warum? Ich bin doch dein Kumpel.“ Das war nicht als Witz gemeint. So hat es sich wirklich angefühlt. Als „das Mädchen“ gesehen zu werden, hat mich oft überrascht, weil ich mich innerlich gar nicht so erlebt habe.
Auch die Schwangerschaft fühlte sich seltsam an. Ich war gern schwanger, weil ich meine Kinder schon lange vor ihrer Geburt geliebt habe. Ich habe mich fürs Stillen entschieden, weil es mir wichtig war, und ich bin dankbar, dass ich es konnte. Aber beide Erfahrungen fühlten sich auch merkwürdig losgelöst von mir selbst an. Nicht, dass sie schlecht gewesen wären. Sie fühlten sich nur nicht wie Erfahrungen an, die mich als Frau definieren, so wie andere oft darüber sprechen.
Mir ist außerdem klar geworden, dass ich nie wirklich verstanden habe, warum Menschen erwarten, dass Männlichkeit und Weiblichkeit sich gegenseitig ausschließen.
Warum kann jemand nicht Glitzer lieben und trotzdem stark sein wollen?
Warum kann jemand nicht an einem Tag ein Kleid tragen und am nächsten Oversize-Klamotten?
Warum muss Freundlichkeit weiblich sein und Härte männlich?
Diese Kategorien haben für mich noch nie viel Sinn ergeben.
Die Autismus-Diagnose hat mir vermutlich geholfen, das zu sehen. Neurodivergente Menschen hinterfragen oft soziale Regeln, die andere scheinbar automatisch hinnehmen. Ich glaube nicht, dass ich diese Erwartungen je bewusst abgelehnt habe. Ich habe nur nie so richtig verstanden, warum es sie überhaupt gibt.
Heute fühle ich mich in meinem Körper völlig wohl. Ich will kein Mann werden. Aber ich erlebe mich auch nicht wirklich als Frau, so wie die Gesellschaft Frausein oft beschreibt. Irgendwo in mir fühle ich mich weder als das eine noch als das andere und irgendwie als beides gleichzeitig.
Das Wort queer zu finden hat nicht verändert, wer ich bin.
Es hat mir nur eine Sprache für etwas gegeben, das ich schon sehr lange fühle.
Für mich bedeutet queer sein nicht, Männlichkeit oder Weiblichkeit abzulehnen. Es bedeutet zu erkennen, dass ich mich nicht zwischen ihnen entscheiden muss. Ich kann sanft und direkt sein, emotional und analytisch, Glitzer lieben und trotzdem wie Rambo sein wollen. Nichts davon hebt sich gegenseitig auf.
Rückblickend glaube ich, dass ich mich deshalb unter queeren Menschen immer wohlgefühlt habe. Ich wusste nicht genau, wo ich hingehöre, aber ich habe etwas Vertrautes darin erkannt, wie dort über Identität gesprochen wird. Da war Platz für Komplexität, für Widersprüche, für ein Dasein irgendwo dazwischen.
Vielleicht sieht meine Kunst deshalb so aus, wie sie aussieht.
Süßigkeiten und Verfall.
Leben und Tod.
Schönheit und Zerbrochenheit.
Nicht, weil ich ein Statement setzen wollte, sondern weil die Welt für mich immer schon so Sinn ergeben hat.
Mit 34 habe ich endlich ein Wort gefunden, das sich anfühlt wie Zuhause.
Mehr darüber, wie Autismus, ADHS und das Gefühl, irgendwo in der Mitte zu existieren, diese Erkenntnis geprägt haben, schreibe ich in Autistische Künstlerin mit ADHS und Neurodivergente Künstlerin: ein Leben zwischen den Kategorien.