Neurodivergente Künstlerin: ein Leben zwischen den Kategorien
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Dieser Shop wird auf Englisch geschrieben. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, deshalb kann sich hier und da mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, schreib es mir gern.
Zwischen den Kategorien: Wie Autismus, ADHS und Sterblichkeit meine Kunst geprägt haben
Als autistische Künstlerin mit ADHS habe ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, mich in Kategorien fehl am Platz zu fühlen, die für andere völlig einleuchtend sind. Nicht dramatisch, nicht schmerzhaft, eher leise abgekoppelt.
Eine dieser Kategorien ist Geschlecht.
Ich habe mich nie stark damit verbunden gefühlt, eine Frau zu sein, aber wie ein Mann habe ich mich auch nicht gefühlt. Meistens habe ich mich einfach wie ein Mensch gefühlt. In meinem Körper fühle ich mich wohl, aber zwischen mir und der Idee von Weiblichkeit war immer eine gewisse Distanz.
Als Kind und Jugendliche hatte ich keine Worte für dieses Gefühl. Ich habe nur kleine Momente von Dissonanz bemerkt. Ein Kleid anzuziehen fühlte sich oft eher an wie eine Verkleidung als wie ein Ausdruck dessen, wer ich bin. Selbst heute klingt der Satz "Ich bin eine Frau" manchmal seltsam fremd, obwohl ich weiß, dass er sachlich stimmt.
Wenn Jungs in mich verliebt waren, hat mich das auf eine Art verwirrt, die ich nicht erklären konnte. Da war dieser leise Gedanke im Hinterkopf: Warum sollte der mich mögen? Ich bin doch gar nicht die Sorte Mensch, die er mögen soll. Nicht, weil ich bewusst geglaubt hätte, jemand anderes zu sein, sondern weil zwischen dem, wie andere mich sahen, und dem, wie ich mich selbst erlebte, immer eine Lücke klaffte.
Ähnliches habe ich in Freundschaften bemerkt. An der Uni kamen oft sozial selbstsichere, konventionell attraktive Frauen zuerst auf mich zu. Von außen sah ich vermutlich nach jemandem aus, mit dem sie ganz selbstverständlich warm werden würden. Nach ein bisschen gemeinsamer Zeit merkten viele dann schnell, dass ich anders bin. Nicht besser oder schlechter, ich funktioniere nur anders. Soziale Hierarchien, ungeschriebene Regeln und vieles, was allen anderen wichtig schien, fielen mir schwer. Was mich stattdessen fasziniert hat: Ehrlichkeit, schräge Fragen, Ideen, tiefe Gespräche. Small Talk fühlte sich jedes Mal an, als würde ich eine Sprache sprechen, die ich nie richtig gelernt habe.
Dieses Gefühl ist nicht verschwunden, als ich erwachsen wurde.
Ich bin verheiratet. Ich habe Kinder. Ich besitze ein Haus. Ich zahle Rechnungen. Ich trage Verantwortung. Trotzdem fühle ich mich selten wie eine Erwachsene. Wenn Leute von "Erwachsenen" reden, stellt sich ein Teil von mir immer noch jemand anderen vor: jemanden mit mehr Selbstsicherheit, mehr Gewissheit, jemanden, der ganz selbstverständlich in diese Rolle gehört. Ich fühle mich nach wie vor wie derselbe endlos neugierige Mensch, nur mit ein paar Verpflichtungen mehr als früher.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass viele autistische Menschen Ähnliches beschreiben. Wir stehen oft knapp außerhalb der sozialen Kategorien, durch die sich andere so selbstverständlich bewegen. Wir machen mit, aber richtig zu Hause fühlen wir uns darin selten.
Rückblickend glaube ich, das ist einer der Gründe, warum ich die Kunst mache, die ich mache.
Ich habe Widersprüche immer geliebt. Süße Tiere und Sterblichkeit. Knallige Bonbonfarben und Verfall. Pizzaliebende Tauben. Lächelnde kleine Kreaturen, umringt von Schädeln. Zucker und Dunkelheit. Leben und Tod.
Die Welt legt uns dauernd nahe, alles ordentlich einzusortieren. Wir mögen klare Definitionen, weil sie die Realität vorhersehbar wirken lassen. Aber die Realität ist selten ordentlich, und Menschen sind es ganz sicher nicht.
Ich weiß, dass ich es nicht bin.
Meine Bilder sind ein Ort geworden, an dem Widersprüche nicht gegeneinander kämpfen müssen. Sie dürfen einfach nebeneinander stehen. Traurigkeit darf neben Humor sitzen. Tod darf neben Freude wohnen. Süße Dinge dürfen verstörend sein, und verstörende Dinge dürfen seltsam schön werden.
Nach meiner Halsschlagader-Dissektion 2026 habe ich mehr denn je über Sterblichkeit nachgedacht. Meine Kunst wurde nach und nach zu einer Art, das zu verarbeiten, nicht indem ich düstere oder beklemmende Bilder schuf, sondern fast im Gegenteil. Die Tauben, Erdbeeren, Bienen, Süßigkeiten, knalligen Farben und absurden kleinen Figuren sind nicht da, um mich von schweren Themen abzulenken. Sie helfen mir, sie zu tragen. Sie erinnern mich daran, dass es Sterblichkeit gibt, aber eben auch Freundschaft, Neugier, Lachen, Pizza, Sonnenschein und wunderschöne ganz gewöhnliche Momente.
Die Existenz des Todes löscht die Existenz der Freude nicht aus.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht ging es bei Candy Decay immer genau darum.
Nicht zwischen Zucker und Dunkelheit zu wählen, sondern beides nebeneinander stehen zu lassen. Ein Ort, an dem Widersprüche nicht aufgelöst werden müssen, an dem sich seltsame Dinge nicht rechtfertigen müssen und an dem nichts perfekt in eine Kategorie passen muss, bevor es existieren darf.
Vielleicht fühlt sich mein kleines Candy-Decay-Universum deshalb manchmal mehr nach Zuhause an als die echte Welt.
Aus ein paar anderen Blickwinkeln schaue ich mir das in Wie Kunst mir hilft, medizinisches Trauma, Sterblichkeit und Angst zu verarbeiten und Wie eine Dissektion der Halsschlagader meine Kunst verändert hat an. Und in Ich wusste bis 34 nicht, dass es ein Wort für mich gibt schreibe ich darüber, wohin das alles geführt hat, bis zu dem Moment, in dem ich endlich das Wort dafür gefunden habe.
Die Farbe und die Wiederholung, die du überall in meiner Arbeit siehst, haben auch ihre eigene Erklärung. Darauf gehe ich in Stimming mit Farbe: Warum knallige, sich wiederholende Muster guttun und More Is More: Warum ADHS-Gehirne ein bisschen zu viel lieben ein.