Was ist Fauvismus? Die Kunstrichtung, in der Farbe endlich machen durfte, was sie will
Claudia SchmidtTeilen
Kleiner Hinweis: Ich schreibe alles hier zuerst auf Englisch. Die deutschen Fassungen der Journal-Artikel sind Übersetzungen, da kann sich mal ein Fehler oder eine holprige Formulierung einschleichen. Wenn dir etwas auffällt, sag mir gern Bescheid.
Jemand hat mal zu mir gesagt, mein Rosa sei gar kein echtes Rosa. Stimmt auch. Nichts in meiner Wohnung ist so rosa, keine Erdbeere war jemals so rosa, und einmal habe ich sogar eine Zunge blau gemalt. Blau sind Zungen normalerweise auch nicht.
Damals hatte ich keine gute Antwort parat. Dann habe ich über eine Gruppe von Malern gelesen, die 1905 genau dafür als wilde Tiere beschimpft wurden. Seitdem habe ich nicht mehr das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen.
Was ist Fauvismus?
Der Fauvismus ist die Kunstrichtung, in der die Farbe nichts mehr mit dem Gegenstand zu tun haben musste. In einem fauvistischen Bild zeigt dir die Farbe nicht, wie etwas aussah, sondern wie es sich angefühlt hat: ein grüner Streifen mitten durchs Gesicht, ein oranger Fluss, ein türkiser Schatten, weil Türkis dem Bild etwas gibt, was Grau nicht kann.
Dazu kommen flache Bildräume statt sorgfältiger Tiefe, stark vereinfachte Formen, sichtbare Pinselstriche und Farbe, die fast so aufgetragen wird, wie sie aus der Tube kommt. Hell, laut, ungemischt und völlig unbekümmert.
Als Gruppe gab es die Fauvisten nur etwa drei Jahre lang, ungefähr von 1905 bis 1908, und in dieser Zeit gab es gerade mal drei gemeinsame Ausstellungen. Trotzdem haben sie die Regeln der Malerei für immer verändert.
Woher der Name kommt
Paris im Herbst 1905, Salon d'Automne. Die Bilder von Henri Matisse, André Derain, Maurice de Vlaminck und ein paar anderen hängen zusammen in einem Raum, und in der Mitte steht eine brave Skulptur im Stil der Renaissance. Der Kritiker Louis Vauxcelles sieht das und schreibt: „Donatello chez les fauves“, also: Donatello unter den wilden Tieren.
Der Satz erschien im Oktober 1905 in der Zeitung Gil Blas und war alles andere als nett gemeint. Die Maler haben den Namen trotzdem übernommen. Das kommt in der Kunstgeschichte oft vor. Auch der Begriff Impressionismus war ursprünglich spöttisch gemeint.
Ein Satz, der alles erklärt
Matisse hat es besser auf den Punkt gebracht als jeder Kunsthistoriker nach ihm: „Wenn ich Grün auftrage, heißt das nicht Gras. Wenn ich Blau auftrage, heißt das nicht Himmel.“
Mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen. Farbe ist Farbe, und sie darf im Bild genau das bedeuten, was das Bild gerade braucht.
Diese Bilder lohnen sich
- Frau mit Hut, 1905. Ein Porträt von Matisses Frau Amélie, gemalt aus grünen, violetten und orangen Strichen, auch im Gesicht. Viele Besucher im Salon waren richtig empört. Gertrude und Leo Stein haben das Bild gekauft, und das war ein Wendepunkt in seiner Karriere.
- Der grüne Streifen, 1905. Wieder Amélie, diesmal mit einem grünen Streifen genau in der Mitte ihres Gesichts, auf der einen Seite Rosa und Orange, auf der anderen Gelb. Jemand nannte das damals eine wahnsinnige Karikatur. Heute hängt es in Kopenhagen und ist auf unzähligen Postkarten, Tassen und Taschen.
- Derains London-Bilder, 1906. Die Themse in Rosa, Orange und Giftgrün. London ist bekannt für sein graues Wetter, aber Derain hat nicht das Wetter gemalt, sondern das Licht.
- Die Lebensfreude, 1906. Das große Hauptwerk von Matisse: eine ganze Landschaft voller Figuren, in der nichts die Farbe hat, die es haben müsste, und die trotzdem warm und ruhig wirkt.
Angefangen hat alles im Sommer 1905 in Collioure, einem kleinen Fischerort an der französischen Mittelmeerküste. Dort haben Matisse und Derain nebeneinander gemalt und sind mit Farben nach Hause gekommen, auf die niemand vorbereitet war.
Warum es so schnell vorbei war
Weil die Maler selbst sich weiterentwickelt haben. Georges Braque war nach etwa zwei Jahren schon beim Kubismus. Cézannes Art, ein Bild über seine Struktur aufzubauen, war plötzlich wieder gefragt, und reine Farbe wirkte auf einmal wie eine vorübergehende Phase. Derain malte ruhiger, Vlaminck düsterer.
Nur Matisse ist bei der Farbe geblieben, noch fünfzig Jahre lang, bis zu den Scherenschnitten am Ende seines Lebens, die fast noch fauvistischer sind als seine Gemälde. Die Bewegung selbst war kurz. Aber die Freiheit, die sie der Farbe gegeben hat, ist geblieben.
Was meine Bilder damit zu tun haben
Ich bin keine Fauvistin. Die Fauvisten haben schnell und locker gemalt, oft eine ganze Leinwand in einem Rutsch. Ich sitze tagelang an einem kleinen Quadrat und male noch Bienen in die Ecken. Aber das Wichtigste habe ich mit ihnen gemeinsam: Meine Farben sollen nicht zeigen, wie etwas in Wirklichkeit aussieht.
Die Zimmer in meinen Bildern sind neonrosa, weil Rosa für mich die lauteste Möglichkeit ist, zu zeigen, dass gerade viel zu viel auf einmal passiert. Bei Tongue and Strawberry ist die Zunge blau, und das Bild funktioniert mit einer blauen Zunge besser, als es mit einer rosa Zunge je funktioniert hätte. Mehr Begründung haben die Fauvisten auch nie gebraucht.

Am fauvistischsten sind bisher meine Food Studies. Das sind kleine Ölbilder von ganz normalem Essen, und der Hintergrund dahinter ist ein flaches Neonrosa, das es in keiner Küche der Welt gibt. Drei Erdbeeren, kein Tisch, kein Fenster, keine Geschichte. Nur Obst vor einer Farbe, die die ganze Stimmung trägt.

Der Unterschied ist das Warum. Für die Fauvisten war die befreite Farbe vor allem eine Frage darüber, wozu Malerei überhaupt da ist. Für mich ist es eher ein Bedürfnis. Leuchtende, sich wiederholende Farben tun meinem Kopf richtig gut, darüber habe ich in Warum sich leuchtende, wiederkehrende Farben gut anfühlen geschrieben. Das Ergebnis ist ähnlich, der Grund ein anderer.
Was du dir von den Fauvisten abschauen kannst
- Wähl die Farbe nach Gefühl und bleib dann dabei. Sobald du anfängst, an einer knalligen Farbe herumzuschrauben, wird sie matschig. Fauvistische Bilder wirken so selbstbewusst, weil niemand die Farben hinterher wieder abgeschwächt hat.
- Mal Schatten nicht grau. Gib dem Schatten eine richtige Farbe. Grün unter Rosa, Violett unter Gelb, Türkis unter Orange. Schneller kannst du ein Bild nicht lebendig machen.
- Setz absichtlich eine falsche Farbe ein. Eine blaue Zunge, ein oranger Himmel, ein grüner Streifen. Bei einem Bild, in dem alles stimmt, schaut niemand zweimal hin.
- Halte die Formen einfach, wenn die Farben laut sind. Knallige Farben und komplizierte Formen zusammen werden schnell unruhig. Die Fauvisten haben stark vereinfacht, und genau deshalb erkennt man ihre Bilder auch noch vom anderen Ende des Raums.
- Lass die Pinselstriche sichtbar. Sichtbare Striche sind nicht schlampig, sie zeigen, dass ein Mensch das gemalt hat. Mehr dazu in Warum grob gemalte Bilder trotzdem gut sein können.
Wie du Farben technisch so hinbekommst, dass sie wirklich leuchten, erkläre ich in Wie Farben in einem Bild zum Leuchten kommen.
Fauvistische Farben für deine Wand
Wenn du dieses Gefühl in deiner Wohnung haben willst, gelten ähnliche Regeln wie in den Bildern. Lieber ein lautes Bild als fünf zurückhaltende. Eine Wand, die nicht einfach nur weiß ist, denn knallige Farben brauchen einen Hintergrund, vor dem sie wirken können. Und zwei Farben aus dem Bild, die irgendwo im Raum im Kleinen wieder auftauchen, zum Beispiel bei einem Kissen, einer Lampe oder einem Buchrücken. Dann wirkt das Ganze gewollt und nicht zufällig.
Wo der Fauvismus zwischen all den anderen Stilen steht, die man meiner Kunst schon zugeschrieben hat, erkläre ich in Alle Labels, die Leute meiner Kunst gegeben haben.
Hol dir ein bisschen verrückte Farbe nach Hause
Schau dich gern bei den handsignierten Prints um, die es alle für 35 Euro gibt, und such dir den mit den unrealistischsten Farben aus. Und wenn dir jemand sagt, dass es dieses Rosa in echt gar nicht gibt: Stimmt. Genau darum geht es seit 1905.